#07: Das Mincome-Experiment

20.02.2024

Die Idee des BGE wird schon sehr lange diskutiert, nachweislich seit der Antike. Schon 400 v.Chr. haben die alten Griechen darüber philosophiert, dass nur derjenige frei denken und kreativ arbeiten könne, der von Arbeitszwängen befreit sei. Allerdings waren von diesem Gedanken Frauen und Sklav:innen ausgenommen. Also wieder nix mit „bedingungslos“, da es das nur für eine Minderheit, nämlich die männlichen Bürger gedacht wurde. Und wie Philosophen das gemeinhin so tun, wurde auch damals nur darüber geredet. Aber über die Geschichte, die Historie des BGE werden wir ohnehin in einer eigenen Sendung sprechen.

Mich interessiert, wie es denn heute ausschaut. Ist das BGE schon in einem Land eingeführt worden?

Nein, bisher ist die Idee noch nirgends auf diesem Planeten umgesetzt worden. Aber es gab und gibt viele Pilotprojekte und Experimente weltweit. Dabei muss man aber genau hinschauen, ob überall, wo BGE draufsteht, auch wirklich ein BGE drin ist. Denn oft genug sind die Auszahlungen weit unter der Armutsgrenze des jeweiligen Landes, ist also eher eine Grundsicherung denn ein Grundeinkommen. Und zweitens ist fast allen diesen Experimenten gemein, dass sie zeitlich beschränkt sind. Die Aussagekraft, ob das BGE für die Empfänger:innen langfristig das Leben beeinflusst, ist also nicht sehr hoch. Wenn ich weiß, dass in zwei Jahren wieder Schluss ist, werde ich meistens nicht das Risiko eingehen, meinen wenig erfüllenden Erwerbsjob zu kündigen und mich in eine unsichere Zukunft stürzen.

Bringen denn Experimente dann überhaupt etwas?

Das kommt ganz auf die Modellierung an. Wie groß ist der Kreis der Empfänger:innen, wie hoch die Auszahlung, wie lange geht das Experiment und wie wird es evaluiert? Auch das dahinter liegende Ziel ist von großer Bedeutung. Will man erforschen, wie das BGE den Arbeitswillen der Proband:innen beeinflusst oder soll herausgefunden werden, ob und wie sich das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit der Menschen verändert, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ein Ergebnis ist bei allen bisher durchgeführten Pilotprojekten augenfällig: die physische und psychische Gesundheit der Teilnehmer:innen hat sich, zum Teil signifikant, verbessert. Die Bezieher:innen des BGE fühlten sich allesamt stressfreier, weniger depressiv und viele wurden insgesamt aktiver. Somit kann gesagt werden, dass das BGE auf jeden Fall positive Auswirkungen auf das Individuum und weiterführend für die Gesellschaft hat. Allein das Gesundheitssystem würde vom BGE schon mal profitieren.

Hast Du ein Beispiel für ein gut durchdachtes Experiment?

Sehr interessant ist das sogenannte Mincome-Experiment, das in den 70er Jahren in Kanada durchgeführt wurde. In der Stadt Dauphin im Bundesstaat Manitoba erhielten ausgewählte Haushalte 100 CAD monatlich. Der Betrag orientierte sich an der Armutsgrenze. Heute würde dieser Wert ca. 6000 USD pro Jahr entsprechen. Wenn die Bezieher:innen dazuverdienten, dann wurde das Grundeinkommen um 50 cents pro verdientem Dollar gekürzt. Zum Unterschied von herkömmlichen Sozialleistungen, die bei Zuverdienst gestrichen wurden. So sollte der Anreiz zur Erwerbsarbeit aufrecht erhalten werden. Das Experiment lief über einen Zeitraum von drei Jahren, weil nach einer Inflation mit darauf folgender Rezession in 1977 das Aufbringen der Gelder dafür erschwerte. Ursprünglich war es länger geplant gewesen.

Mir fällt dabei folgendes auf: die Zahlungen wurden an Familien geleistet, also nicht individuell, wie das ja eigentlich für ein BGE vorgesehen ist. Und bedingungslos waren sie ja auch nicht, wenn es ausgewählte Familien waren.

ja, das ist die Krux mit Experimenten. Alle vier Kriterien, die ein BGE ausmachen, können dabei nie berücksichtigt werden. Aber dennoch sind sie wichtig um zu verstehen, was Zahlungen, die nicht unmittelbar an Leistungen geknüpft sind, ausmachen können.

Und was waren nun die Resultate des Projektes?

Interessant ist an Mincome, dass erstmal die ganzen wissenschaftlichen Protokolle, die von den Familien für die Forschung geführt wurden, jahrelang in Archiven verschwunden waren. Erst 2009 fand Evelyn Forget, Professorin für Wirtschaft und Gemeinschaftliche Gesundheitssysteme der Universität von Manitoba, die ganzen Protokolle wieder und begann sie zu evaluieren. Bis dahin hatte das niemand getan.

Was hat sie nun herausgefunden?

Das physische und psychische Wohlbefinden der Empfänger wurde positiv beeinflusst. Der Arbeitsmarkt ist nicht zusammengebrochen. Die Arbeitsleistung sank kurzfristig um ca. 6 % durch Erholung oder Fortbildung. Das garantierte Einkommen stärkte den privaten Konsum, aber auch die Anschaffung von produktiven Gütern wie Fahrzeugen oder Schreibmaschinen, mit denen sich die Bürgerinnen und Bürger auf dem Arbeitsmarkt besser behaupten konnten als zuvor. Das Geld stimulierte sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite. Die Kinder machten deutlich bessere Schulabschlüsse als zuvor. Die Krankenhausaufenthalte in Dauphin gingen um 8,5 Prozent zurück. Es gab weniger Einweisungen wegen psychischer Störungen, familiärer Gewalt und Unfällen.

Also alles in allem sehr positive Ergebnisse. Trotzdem bleiben noch viele Fragen offen, z.B. wie sich ein BGE auf die Wirtschaft insgesamt auswirken wird. Dazu sind diese Experimente offenbar nicht groß genug angelegt.

Da hast du ganz Recht, es bleiben noch viele Fragen offen, die andere Pilotmodelle vielleicht besser darstellen können. Wir werden im Lauf der Sendereihe daher noch über andere Experimente berichten.

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Grundeinkommen – Red’n ma drüber!

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Thema:Society Radiomacher_in:Paul Ettl, Roswitha Minardi
Sprache: German
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